Bettina Meiselbach
Die Autorin von „Happy Carb: Diabetes Typ 2 – nicht mit mir“ spricht in ihrem Buch ausführlich darüber, wie sie die Diabetes Erkrankung aus eigener Kraft zurückgedrängt hat und mittlerweile medikamentenfrei lebt. Sie nimmt ihre Leser mit auf eine spannende Reise durch die Low Carb Ernährung und adressiert/erreicht damit nicht nur Betroffene, sondern alle, die sich gesünder ernähren möchten. Im anschließenden Interview verrät sie uns unter anderem, was sie motivierte, am Ball zu bleiben und welch einprägsame Erfahrung sie auf ihrem Weg der Ernährungsumstellung gemacht hat.

 

Häufig wird eine gesunde Ernährung inklusive der Umstellung als „zu kompliziert und aufwändig“ abgetan. Was sagst du dazu und wie ging es dir damit?

Ich höre das auch hin und wieder, aber bei genauerem Rückfragen ist es doch meist mehr die Angst, sich von alten Gewohnheiten zu lösen und die eigene Komfortzone verlassen. Meinen Lesern gebe ich immer den Tipp, erst mal mit den absoluten Basics auf dem Teller anzufangen, und nicht gleicht die volle Kanone mit Spezialzutaten und Co einzusetzen. Röstgemüse mit Lachs aus dem Ofen ist so schnell gemacht, da fällt der Vorbehalt „kompliziert und aufwändig“ direkt in sich zusammen.
Dazu empfehle unbedingt einige Lieblingsrezepte so zu adaptieren, dass sie genauso lecker mit weniger Kohlenhydrate geschmaust werden können. Mich hat früher Spaghetti Bolognese aus jeder „Diät“ gekickt und eins der ersten selbst entwickelten Rezepte war dann bei mir auch eine Bolognesesuppe, die mit viel Gemüse und wenigen Kohlenhydraten grandios lecker schmeckt. Die Pasta war doch früher nur Beiwerk und für den Geschmack nicht relevant. Wenn das mal im Kopf ankommt, ist die Tür offen und für neue Experimente und die Dinge entwickeln sich automatisch weiter.

„Ein bisschen Theorie muss sein, sonst wird das nichts“ – in der Flut an Informationen ist das gar nicht so einfach. Welche Theoriethemen im Einzelnen (Schlagworte, Überbegriffe) würdest du den Menschen ans Herz legen, die von Diabetes betroffen sind und warum?

Als Erstes benenne ich die Kohlenhydrate insgesamt, mit denen sich Diabetiker auseinandersetzen sollten. Welche Lebensmittel enthalten viele Kohlenhydrate und in welchem Umfang haben diese einen Einfluss auf den Blutzucker. Da spielen dann auch der Glykämische Index und vor allen Dingen die Glykämische Last eine Rolle. Welche Kohlenhydrate tröpfeln ins Blut und welche lassen den Blutzucker raketenartig ansteigen. Welche Kohlenhydratkombinationen sind für Diabetiker schwer zu vertragen, wie zum Beispiel eine Pizza. Wie süßen, ohne den Blutzucker zu belasten. Sinnvolle und zielführende Informationen in Sachen Kohlenhydrate sind die Basis für ein gutes, über die Ernährung gesteuertes Blutzuckermanagement. Am Ende macht die Dosis das Gift und die Toleranzgrenze für Diabetiker ist bei den Kohlenhydraten einfach niedriger als bei metabolisch gesunden Menschen. Dann empfehle ich, sich mit den Grundlagen der Krankheit auseinanderzusetzen. Wie entsteht Diabetes. Was sind die Ursachen und was sind die Folgeerkrankungen. In Deutschland sind ein Großteil der Amputationen, Nierendialysen und Erblindungen Folgeerkrankungen von dem oft so harmlos angesehenen Diabetes. Dazu jährlich Tote, bei denen die Schäden aus der langjährigen Diabeteserkrankung Schlaganfälle oder Herzinfarkte mitverursachen. Diabetes ist ein stiller Killer, wenn man die Krankheit nicht ernst nimmt und sich nicht ausreichend um gesunde Blutzuckerwerte bemüht. Diabetes tut erst mal nicht weh. Nur wenn es denn nach Jahren weh tut, sind bereits Schäden entstanden, die nicht reversibel sind und die Lebensqualität für immer einschränken. Das muss jeder Patient wissen um dann entsprechend sensibilisiert zu handeln!

 

Gibt es eine einprägsame Erfahrung oder ein Erlebnis auf deinem Weg der Ernährungsumstellung, von dem unsere Leser(innen) etwas mitnehmen könnten?

Ich war während meiner Diabetes-Zufallsdiagnose in einer Rehaklinik, um mich von einem Burnout zu erholen. Nebenbei sollten auch noch einige Kilos purzeln, denn die Klinik befasste sich auch mit der Behandlung von Adipositas und Diabetes. Dort warnte man ausdrücklich vor Fett in der Nahrung und empfahl den reichlichen Verzehr von Kohlenhydraten. Mir begegneten dort jedoch eine Reihe von Patienten, die alle paar Jahre in der Klinik aufschlugen, und immer waren sie noch dicker, brauchten neue Medikamente und mehr Insulin. Da gingen bei mir alle Warnlampen an, dass das, was ich in der Klinik an Rüstzeug im Umfang mit der Krankheit mitbekomme, scheinbar nicht ausreicht, um dem Problem wirklich langfristig zu Leibe rücken zu können. Ich war alarmiert und habe noch in der Klinik begonnen zu recherchieren, was es noch für Möglichkeiten gibt, und bin so über meine Internetrecherche bei Low Carb, als passende Antwort auf meine Schwäche Kohlenhydrate zu verwerten, gelandet. Meine Erkenntnis daraus ist, dass es immer notwendig ist, den eigenen Kopf zu bemühen und kritisch zu hinterfragen, was einem da vorgeturnt wird, auch wenn der Vorturner einen weißen Kittel trägt. Wir tragen alle Verantwortung für uns selbst und geben die nicht an Praxistüren oder in Kliniken ab. Die Information des damaligen Vorturners in Weiß im Jahr 2013 war, dass ich binnen eines Jahres beim Insulin landen werde. So kann man sich irren, denn seit 4 Jahren lebe ich komplett ohne blutzuckersenkende Medikamente und das bei hervorragenden Blutwerten.

 

Was hat dich die ganze Zeit über motiviert, am Ball zu bleiben und nicht aufzugeben?

Sich mit jedem Tag besser zu fühlen und auch messbares, positives Feedback zu bekommen, ist unglaublich motivierend. Dazu ist Diabetes eine zeitraubende Krankheit. Die Blutzuckermessungen nerven und auf all das verzichten zu können, bringt echte Lebensqualität. Das weiß man zu schätzen, wenn man mal eine Weile täglich mehrfach damit beschäftigt war, sich in den Finger zu stechen, um zu schauen, was da gerade los ist.

 

Welche drei Lebensmittel dürfen bei dir zuhause nicht fehlen und warum?

Ooooooh nur 3. Also gut. Immer daheim sind Kirschtomaten, Mozzarella und ein wirklich gutes Olivenöl. Ich muss in meinem letzten Leben Italienerin gewesen sein, denn ich liebe die italienische Küche. Eins meiner Lieblingsessen ist daher der Salat Caprese, wozu natürlich noch frisches Basilikum fehlt. Einfach und schnell auf dem Teller. Fleischlos und lecker, für den Kochanfänger und jede noch so bequeme Socke wie mich machbar. So viel nochmal zum Thema, gesunde Ernährung ist kompliziert und aufwändig.

 

Nachdem du mittlerweile medikamentenfrei lebst: inwieweit begleitet dich der Diabetes dennoch?

Natürlich muss immer überprüft werden, ob sich an der Situation etwas ändert und ob meine angepasste Ernährung noch den ausreichenden Effekt auf den Stoffwechsel hat. Wir dürfen ja nicht vergessen, dass Diabetes eine fortschreitende Erkrankung ist. Bei jedem – auch gesunden Menschen – stellen im Laufe des Alterungsprozesses immer mehr Betazellen die Produktion von Insulin ein. Was bei anderen Menschen nicht wirklich sichtbar wird, denn es ist immer noch genug Insulin unterwegs, ist das für Diabetiker, wo ja bei der Diagnose schon ein Teil der Betazellen die Arbeit eingestellt haben, ein Problem. Also wird auch bei mir mehrfach im Jahr der Langzeitblutzucker gemessen und ich bin so immer wieder orientiert, inwieweit meine Blutzuckersteuerung über die Ernährung passt, oder ob sich etwas verändert hat.

 

Dein Buch bezieht sich auf Diabetes Typ 2 – hast du auch Tipps für Diabetiker Typ 1, die sich vielleicht denken „ich kann damit wenig bewegen“?

Erfreulicherweise habe ich im Happy Carb Blog auch sehr viele Typ 1 Leser, von denen immer wieder die Rückmeldung kommt, dass mit weniger Kohlenhydraten auf dem Teller der Blutzucker leichter zu justieren ist und weniger Blutzuckerspitzen und auch in der Folge des reduzierten Insulineinsatzes die Risiken von Unterzuckerungen geringer ausfallen. Also auch Typ 1 Diabetiker profitieren von einer kohlenhydratreduzierten Ernährung. Nur vollständig auf Insulin verzichten, funktioniert da nicht.

 

Was wünschst du deinen Leser(innen), im Speziellen denjenigen, die an Diabetes erkrankt sind?

Die Erkenntnis, dass man über die Ernährung messbaren Einfluss auf die Gesundheit nehmen kann. Selbst wenn man so wie ich in einem doch sehr bedenklichen schlechten Zustand war, es sich lohnt zu kämpfen. Dazu nicht verbissen an Konzepten klemmen, die zur eigenen Person nicht passen. Wir sind alles Individuen und müssen da unseren Weg finden. Ich wünsche meinen Leser/innen den Mut sich auf eine kohlenhydratreduzierte Ernährung einzulassen und die Fähigkeit, diese dann so für sich weiterzuentwickeln, dass es eine Liebe fürs ganze Leben bleibt.

 

Foto: Shutterstock / Durch Maya Kruchankova